Die Dankbarkeit eines Berghirsches

A Mountain Deer’s Gratitude

Vor zweihundert Jahren lebten an einem Bambushang etwa 200 Haushalte. Unter ihnen lebte ein alter Mann namens Shu Laowang. Er hatte einen neugeborenen Enkel und seine ganze Familie war darüber sehr glücklich.

Eines Nachmittags gingen alle Familienmitglieder zur Ernte. Nur Feng, die Schwiegertochter, blieb zu Hause und erledigte den Haushalt. Plötzlich war das Bellen eines Hundes zu hören. Feng wusste, dass jemand in den Bergen hinter ihrem Haus auf der Jagd gewesen sein musste.

Einen Augenblick später öffnete sich die Hintertür und ein verängstigtes Reh stürmte ins Zimmer. Es nickte Feng ängstlich zu. Sie sah, wie das Reh keuchte. Es musste schon lange von den Jägern gejagt worden sein.

„Kleines Reh! Brauchst du Hilfe?“, fragte sie. Das Reh nickte ihr zu. Hastig nahm Feng den Bambusdeckel von ihrem Topf und sagte: „Kleines Reh, es tut mir leid, aber du musst dich hier hineinquetschen, um dich zu verstecken.“ Während sie noch sprach, stülpte sie schon den Bambusdeckel über das zusammengerollte Reh.

Anschließend setzte sich Feng auf eine Bank vor der Haustür, um ihr Baby zu füttern und tat so, als sei nichts geschehen. Kurz darauf kamen drei bewaffnete Männer mit zwei Jagdhunden in den Hof. Sie sagten zu Feng: „Wir drei haben den ganzen Tag ein Reh gejagt und es fast erwischt. Wir wollen wissen, ob es hier in den Garten gekommen ist.“

Feng antwortete gelassen: „Ich habe nur mein Kind beobachtet und dabei kein Reh gesehen.“

Die Männer suchten eine Weile im Hof, fanden das Reh aber nicht. Daraufhin setzten sie ihre Suche außerhalb des Hofes fort und wirkten dabei sichtlich frustriert.

Nachdem sie gegangen waren, nahm Feng den Bambusdeckel von dem Topf wieder ab und sagte zu dem Reh: „Jetzt kannst du gehen!“ Das Reh nickte ihr wieder zu und ging langsam durch den Hof.

Die Zeit verging schnell, und als Fengs Sohn etwa ein Jahr alt war, veranstaltete die ganze Familie ein großes Festmahl. Alle Haushalte vom Bambushang kamen zu Feng, um mitzufeiern. Gerade als die Feier beginnen sollte, rannte plötzlich ein Reh in den Hof, packte das Baby aus Fengs Armen und sprang wieder davon. Sofort zogen alle ihre Waffen und jagten das Reh. Sie jagten es eine Meile weit, bis es stehen blieb und das Kind absetzte. Das Reh nickte Feng wieder zu und eilte dann davon.

Als Feng ihr Kind erreichte und es vom Boden aufheben wollte, hörten alle Dorfbewohner ein ohrenbetäubendes Grollen aus ihrem Dorf. Sie drehten sich um und sahen einen gewaltigen Erdrutsch, der alle Gebäude des Dorfes unter sich begrub. Auch die drei Jäger wurden verschüttet. Alle anderen Dorfbewohner konnten sich retten. In Erinnerung an diesen Tag erhielt das Dorf später den Namen "Berghirschdorf".